Theater

Geschichte des Mainzer Theaters

Mainzer Theater mit Tradition

Foto: Patrick-Emil Zörner, GNU-Lizenz für freie Dokumentation, Version 1.2 (Free Software Foundation)

Foto: Patrick-Emil Zörner, GNU-Lizenz für freie Dokumentation, Version 1.2 (Free Software Foundation)

Seit über 2.000 Jahren wird in Mainz Theater gespielt, doch feste Theatergebäude bzw. –anlagen existierten in der Stadt nur rund 500 Jahre lang. Den Anfang machten die Römer mit dem größten römischen Bühnentheater im ersten Jahrhundert nach Christus. Während der Völkerwanderung wurde dieses gigantische, weil 13.000 Zuschauer fassende Theater vollständig zerstört. Reste wurden zwar 1884 beim Bau der Eisenbahnstrecke wiederentdeckt, aber erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts als solche erkannt, aber leider nicht gesichert, sondern überbaut, so dass wir heute nicht mehr in der Lage sind, dieses Theaterrund zu rekonstruieren. Im Mittelalter bis hin in die Neuzeit war das Theaterleben geprägt durch Wanderbühnen, vor allem aus England, aber auch aus dem Deutschen Reich. Am Ende des Dreißigjährigen Kriegs, im Jahre 1648 wurde auf dem Leichhof im Schatten des Doms eine Bretterbude für die Aufführung von Schäferspielen ebenso wie von Stücken mit biblischem Inhalt errichtet. 1711 folgt ein Theatergebäude aus Holz auf dem Höfchen. Das erste Kommödienhaus wird zwischen Großer Bleiche und Steingasse von Emmerich Joseph von Breidenbach errichtet. Es bot Platz für 3000 Zuschauer. Es brennt bei der Beschießung von Mainz im ersten Koalitionskrieg am 1. Juli 1793 restlos nieder. Danach diente der Marstall in der Großen Bleiche als Theatergebäude.

Neuanfang – das Mainzer Nationaltheater

Die Französische Revolution und der Einmarsch der Franzosen brachte den Mainzern das Ende des Nationaltheaters. Der Spielbetrieb wurde im November 1790 eingestellt, kurz nachdem die Mozart-Oper DON JUAN in deutscher Sprache in Mainz ihre Uraufführung erlebt hatte. Erst nach dem Abzug der französischen Truppen begannen die Mainzer mit den Vorbereitungen zur Gründung des Neuen Mainzer Nationaltheaters. Nach Auflösung des Wiesbadener Nassauischen Theaters 1814 wurde „ein über den anderen Tag“ auch in Wiesbaden gespielt. Die Belastung für Künstler und Bühnentechniker muss enorm gewesen sein, angesichts der damaligen Verkehrsverhältnisse. Schließlich musste alles mit Pferden und Kutschen bewerkstelligt werden. Nach jeder Vorstellung in Wiesbaden musste die gesamte Bagage nachts wieder nach Mainz gebracht werden, wo die Theaterleute seinerzeit auch wohnten. Dies war alles kein Vergnügen. Dennoch dauerte diese erste Kooperation zwischen dem Mainzer und dem Wiesbadener Theater immerhin bis Ende 1839. Nicht nur diese äußeren Zustände am Mainzer Theater sorgten damals für Ärger, sondern auch Streitereien innerhalb des Ensembles. So kündigten 2 Ensemblemitglieder „da der Souffleur mache, was er will, springt abends, wenn ihm die Vorstellung zu lange währt, von einer Rede zur anderen und macht selbst das Mitglied, welches seine Rolle kann, fassungslos. Sein Weib besäuft sich, läuft dann in die Bier- und Branntweinhäuser und skandalisiert über die Schauspieler und Sänger“.

Theaterneubau von Georg Moller

Georg Moller

Georg Moller

Am 21. September 1833 wurde der von Georg Moller errichtete Theaterneubau in Mainz eröffnet. Am 27.November 1828 hatte der damalige Bürgermeister von Mainz, Freiherr von Jungenfeld im Namen des Magistrats den Darmstädter Hofbaumeister Georg Moller aufgefordert, einen Plan für ein Theater zu entwerfen, das wie folgt aussehen sollte (Zitat):

  1. „Das Fassungsvermögen soll bei 1500 Personen liegen.
  2. Neben drei Reihen Logen (gemeint sind Ränge), Parterre und eine Galerie.
  3. Zu Maskenbällen und sonstigen Festlichkeiten soll die nötige Einrichtung getroffen werden.
  4. In den beiden unteren Stockwerken der Flügel sollen zwei Lokale zum vermieten für einen Conditor und Restaurateur angebracht sein.
  5. Die Bühne soll so hoch sein, daß die Vorhänge, ohne gebrochen zu werden, in die Höhe gehen, übrigens aber von mäßiger Grösse, damit die Kosten für Erleuchtung etc. nicht zu hoch kommen.“

Auch dieser Bau wurde am Ende teurer als geplant. Statt der ursprünglich veranschlagten 166.502 Gulden kostete der Bau schließlich 200.000 Gulden.

Theater in Mainz, erbaut von Georg Moller, Zustand im Jahre 1903

Theater in Mainz, erbaut von Georg Moller, Zustand im Jahre 1903

Doch spätestens bei der feierlichen Eröffnung merkte auch der Letzte, dass es sich um ein Meisterwerk handelte. Erstmals hatte Moller statt des bis dahin üblichen Langhauses mit antikisierender Säulenreihe einen Rundbau gewählt. Dazu inspirierte ihn das Kollosseum in Rom. Die nach außen gekehrte Rundung sollte schnell Schule im Theaterbau machen. Kein Geringerer als Georg Semper folgte dem gleichen Konzept bei dem Bau der berühmten Semper-Oper in Dresden. Mit dem Bau des Mainzer Theaters begann eine neue Epoche der Theaterarchitektur. Es gab ohne Zweifel bereits in den vorhergehenden Jahren entsprechende Pläne anderer Architekten die Rundungen des Zuschauerraums nach außen zu übertragen, wobei Moller sicherlich die Entwürfe des Franzosen J. N. L.Durand kannte. Er ist aber allen zuvorgekommen und hat mit dem Mainzer Theater einen Markstein gesetzt.  Im Schornschen Kunstblatt hieß es damals: „Keine gelogene Architektur, kein griechisches Portal, keine überflüssige Fassade zeigt sich hier als fremder Schmuck, sondern nur in der eigenen Gediegenheit bekundet sich die Schönheit der Erfindung.“ L-SemperoperSchon fünf Jahre nach der Eröffnung des Theaters präsentierte Gottfried Semper die Pläne für das Dresdner Hoftheater (1838/42), die weitgehend dem Mainzer Haus entsprachen, wobei allerdings die Ausstattung der Fassaden überreich betont wurde, was nicht dem Moller’schen Idealen entsprach. 1858 entwarf Semper ein Theater für Rio de Janeiro, das sich noch mehr als das Dresdner Haus in der Grundrissform mit dem Mainzer Theater deckte.  Die Stadt Mainz dankte dem großen Baumeister Georg Moller mit der Verleihung der Ehrenbürgerwürde. Gleichzeitig wurde das Theater in Stadttheater Mainz umbenannt. Zur Eröffnung spielte das Orchester die Jubelouvertüre von Carl Maria von Weber und das Ensemble spielte Titus von Mozart.

Das Mainzer Theater und der Narhalla-Marsch

Kennen Sie die Oper „Le Brasseur de Preston“ („Der Brauer von Preston“) von Adolphe Adam aus dem Jahre 1838? Nein? Zumindest einen Marsch aus dieser Oper haben Sie bestimmt schon einmal gehört. Als diese Oper 1840 im Mainzer Theater aufgeführt wurde, saß der österreichische Regimentskapellmeister Karl Zulehner (1805–1847) im Zuschauerraum. Zulehner, waschechter Mainzer und Gründungsmitglied des Mainzer Carneval-Vereins (MCV), und 1844 selbst Karnevalsprinz benötigte für die Eröffnung der Kampagne einen Marsch, für den er kurzerhand Motive aus der Oper „entlieh“ und sie im „Jocus-Marsch“, dem späteren „Narrhallamarsch“, zusammenfasste, der 1844 bei der Eröffnung der Kampagne unter der Leitung von Zulehner seine Uraufführung erlebte. Der Name Narrhallamarsch geht übrigens auf ein Wortspiel zurück, in welchem die Wörter Narr und Walhalla zu „Narhalla“.

 „Adrian der Unterirdische“ – ein Kritiker der ganz besonderen Art

Theaterleute und Theaterkritiker verbindet eine Haßliebe. Doch Mainz hatte zu dieser Zeit einen Kritiker der besonderen Art – und dieser saß bei den Aufführungen nicht etwa im Zuschauuerraum, sondern „unter der Bühne“, nämlich im Souflleurkasten. Der Mainzer Souffleur Andreas Adrian hatte die Angewohnheit, persönliche Kommentare zu den Aufführungen auf die entsprechenden Theaterzettel anzubringen. Adrian war gelernter Tapetendrucker, entdeckte aber schnell seine Liebe zum Theater. So verfasste er Fastnachtspossen. Später gab er dann die närrische Zeitschrift „Giftblatt“ heraus, in dem er seine Beiträge mit „Adrian der Unterirdische“ signierte. Einige seiner Theaterzettel sind erhalten geblieben. Zu Wallensteins Lager schrieb er beispielsweise: „Stück ging zusammen und gefiel“, die Schauspieler aber waren „Alle nicht viel“, nur Herr Stotz „ging“. Bei Wilhelm Tell waren die Schauspieler „Alle oberfaul bis auf Julchen Kramer“, das „Stück ging lahm und gefiel nicht. Letzter Akt war unterm Luder. Vorstellung war ungeheuer besucht, es ging aber niemand befriedigt Nach Hause, besonders für eine Festvorstellung“. Bei der Zauberflöte merkte er an: „Pamina, nix, soll hääm gehe“. Sein Mainzer Herz ging mit ihm bei einer Aufführung der Jungfrau von Orleans durch als er notierte: „Jungfrau von Orleans gehört nach Wiesbaden zu den Kaffert“.

Ein Theaterskandal

Carl Zuckmayer, Foto: Bundesarchiv, Bild 146-2005-0008 / CC-BY-SA

Carl Zuckmayer, Foto: Bundesarchiv, Bild 146-2005-0008 / CC-BY-SA

Kurz nach der Uraufführung des Stücks DER FRÖHLICHE WEINBERG von Carl Zuckmayer im Berliner Theater am Schiffbauerdamm, das dort vor allem auf Kritik in nationalistisch gesinnten Kreisen gestoßen war, löste es auch bei seiner Aufführung im Mainzer Theater eine Demonstration der besonderen Art. Am 10. März 1926 zogen Nackenheimer Bürger mit Dreschflegeln, Mistgabeln vor das Mainzer Theater, um gegen die Darstellung ihrer Gemeinde und ihrer ländlichen Umgebung in der Form von derben Gestalten, die unmoralisches im Schilde führten, zu protestieren. Auch die Darstellung von Misthaufen und fehlenden Toilettenanlagen missfiel den Nackenheimern. Trotz eines gewaltigen Polizeieinsatzes gelang es ihnen, mehrere Stinkbomben im Zuschauerraum des Theaters zu werfen. Vor dem Theater hielten sie eine Spruchband hoch: „Carlche komm nach Nackenheim, Du sollst uns hoch willkommen sein! Wir schlagen krumm und lahm dich all und sperrn Dich in de Schweinestall, denn da gehörste hi‘!“ [Carl Zuckmayer, „Als wär’s ein Stück von mir“, Frankfurt a.M., S. Fischer, 1966, S. 469]

Zerstörung und Neuanfang

Mainzer Stadthalle 1899

Mainzer Stadthalle 1899

Im August 1942 zerstörten Bomben den Mollerbau und die Theateraufführungen fanden in der Stadthalle – der „Gut‘ Stubb‘“ – statt. Dazu wurde auch die Bühneneinrichtung vom Gutenberg- zum Halleplatz umgesiedelt. Die Halle war mit einem Fassungsvermögen von 3.000 Zuschauern die größte Halle Deutschlands. Doch auch diese Halle ereilte im Krieg das gleiche Schicksal im Februar 1945 wurde auch sie durch die Bomben der alliierten Streitkräfte in Schutt und Asche gelegt. Bereits kurz nach Kriegsende wagten die Mainzer den Neuanfang im Pulverturm mit dem Schauspiel INGEBORG des Mainzers Curt-Goetz. Die feierliche Wiedereröffnung des Theaters auf dem Gutenbergplatz fand am 24. November 1951 statt und wurde durch Serge Lifar mit dem Ballett der Pariser Oper in Anwesenheit von François-Poncet gestaltet.

Sanierung 1976/1977: ein neuer Vorhang

1876/77 stand wieder einmal eine Sanierung des Gebäudes an. Mit bescheidenen 6 Mio. DM wurde in erster Linie der Zuschauerraum neu gestaltet – mit zweifelhaftem Ergebnis: nicht nur, dass sich der Zuschauerraum durch eine Zwischendecke verkleinerte, sorgte eben diese auch für schlechtere Klangverhältnisse im Theater. Ein überdimensionierter Vorhang, der in 21 Jahren nur wenig benutzt wurde, wurde von Theaterfreunden gestiftet. Heute verrichtet er seine Dienste in der Phoenix-Halle in Mainz-Mombach.

Das Staatstheater in Mainz

Am 15. Juni 1989 ist es endlich so weit. Der Vertrag zwischen dem Land Rheinland-Pfalz und der Stadt über die Errichtung des ersten und einzigen Staatstheaters in diesem Bundesland wird unterzeichnet. Das Stadttheater wird Staatstheater. Erster Intendant ist Dietrich Taube.

Das Kleine Haus nimmt Gestalt an

Theater Mainz

Kleines Haus, Tritonplatz

„Klein“ ist an diesem Haus alles, aber sicher nicht die Baumaßnahme selbst. Immerhin umfasst das Bauvorhaben, das 1997 in Angriff genommen wurde, rund 60 000 Kubikmeter umbauten Raum. Es war der Verdienst des designierten Intendanten Dr. Peter Brenner, dass aus dem zunächst projektierten “Kleinen Haus” mit 4300 Kubikmeter umbauten Raum, ein richtiges, vollwertiges Theater wurde. Von der Ausstattung her handelt es sich hier um ein Haus mit Bühnenturm, Orchestergraben, variabler Bühne, die unter Einbeziehung eines Teils des versenkbaren Parketts, zum Raum- und Arenatheater umgestaltet werden kann, und bis zu 500 Personen Platz bietet. Der Neubau nach dem preisgekrönten Entwurf des Architekten Klaus Möbius, dem es nicht vergönnt war diesen Tag zu erleben, wurde am 17.Oktober 1997 feierlich eröffnet.  Neben dem eigentlichen Theater entstand im Anschluss der Trakt für die Verwaltung des Staatstheaters, sowie einen Teil der Werkstätten. Der weitaus größere Teil des Bauvolumens erstreckt sich unter der Oberfläche. Neben einem Parkhaus mit über 200 Stellplätzen, entstanden unter dem Tritonplatz die Proberäume für das Orchester und die Chöre. Die projektierten Baukosten für das Projekt „Kleines Haus“ mit 114,4 Millionen Deutsche Mark wurden sogar eingehalten. Es war im wahrsten Sinn der Worte ein Jahrhundertwerk. Bereits um das Jahr 1900 fanden Gespräche zwischen der Stadt Mainz und dem damaligen Landesvater, dem Großherzog Ernst-Ludwig von Hessen statt mit dem Ziel, eine zweite Spielstätte neben dem total überlasteten Moller-Bau zu schaffen. Letztendlich kam es dann nur zur Erweiterung des Moller’schen Theaters durch den Anbau des Stadtbaumeisters Adolf Gelius im Jahre 1910. So dauerte es doch noch 86 Jahre, in die Zerstörung und Wiederaufbau, nebst mehreren Sanierungen fielen, bis es dann am 17.Oktober 1997 endlich so weit war. Das Mainzer Theater hatte seine so lang ersehnte zweite Spielstätte für das Schauspiel.

Der zweite Streich – Renovierung des Großen Hauses

Theater Mainz

Großes Haus, Gutenbergplatz

Nach der Eröffnung des Kleinen Hauses wurde das Große Haus in den Jahren 1998 – 2001 einer vollständigen Renovierung unterzogen. Das alte Gebäude wurde komplett entkernt, sodass nur die Außenmauern und die unter Denkmalschutz stehenden Fassaden stehen blieben. Während der Bauarbeiten war das große Haus in der Phönixhalle untergebracht, einer ehemaligen Fabrikhalle. Seit der Wiedereröffnung des rund 1000 Zuschauer fassenden Großen Hauses im Jahr 2001 zählt das Staatstheater Mainz zu den mit Abstand modernsten Theaterbauten überhaupt.

Eröffnung des Großen Hauses nach der Renovierung

Am 15. September 2001 wird der Moller-Bau mit Saul von Georg Friedrich Händel unter der Musikalischen Leitung von Frau Catherine Rückwardt und in der Inszenierung von Georges Delnon eröffnet.

Bibliografie und Quellen dieses Beitrags:

  • Günter Walz, Die Geschichte des Theaters in Mainz. Zabern-Verlag, Mainz 2004, ISBN 3-8053-3333-1
  • Jakob Peth, Geschichte des Theaters und der Musik zu Mainz, Ein Beitrag zur Deutschen Theatergeschichte, Neuauflage 2010, 392 Seiten, ISBN 1143182243, 9781143182242
  • Stefan Karlegger, Mainzer Theatergeschichte im Nachkriegsjahrzehnt (1945-1955), GRIN Verlag 2007, 18 Seiten, ISBN 3638592650, 9783638592659
  • Walter Schmidt, Zimmerspiele Mainz, Haus am Dom: ein Zimmertheater der Nachkriegszeit (1950-1959/60) oder Der Versuch, poetische Schwingungen zu erzeugen, Studien zur deutschen und europäischen Literatur des 19. und 20. Jahrhunderts (Band 66), Verlag Peter Lang 2010, 329 Seiten, ISBN 3631586973, 9783631586976