Theaterkritik: „Die Ratten“ ein Glücksfall?

Die Ratten

Anika Baumann – Foto: B. Müller

Die Premiere der Tragikomödie „Die Ratten“ von Gerhart Hauptmann in der Inszenierung von Jan-Christoph Gockel wurde vom Publikum begeistert aufgenommen. Nicht zuletzt die von MIchael Pietsch gebauten und geführten Puppen haben ihre Wirkung auf Publikum und Kritiker nicht verfehlt. „Rotes Jäckchen, weit aufgerissene Augen: Von Gott und der Welt verlassen, kauert ein kleiner Junge vorn links auf der leeren Bühne. Doch der Junge ist kein Junge. Spätestens als er sich aufrichtet und Schritt vor Schritt zu setzen beginnt, wird deutlich, dass da eine Marionette durchs Irgendwo tappt, geführt von einem Spieler auf einem bühnenbreiten fahrbaren Stahlgerüst. Eine Puppe also. Aber das erhöht die Anziehungskraft nur.“ So beginnt Jens Frederiksen seine Kritik in der Allgemeine Zeitung vom 2.3.2015, die in der Feststellung gipfelt, bei dieser Inszenierung handele es sich um einen „Glücksfall“.

Foto: Andreas Etter

M. Pietsch – Foto: A. Etter

Während diese Puppe sinnfälliger Ausdruck des verstorbenen „Adalbertchen“ ist, stellen die anderen Puppen das kindliche Alter ego der anderen Personen auf der Bühne dar. Andreas Pecht (Rhein-Zeitung vom 2.3.2015) findet es faszinierend,  dass die Gliederpuppen durch szenische Verdichtung im Raum ihre Niedlichkeit verlieren und nach Stephen-King-Manier als gespenstisch drohende Schuld den Erwachsenen zu Leibe rücken. Dass die Mainzer Inszenierung den Mord an der Mutter des Kindes als Verdrängungsfantasie der Frau John für eine Tat, die sie selbst begeht, interpretiert, erscheint hinnehmbar. Andreas Pecht stellt fest: „Das spätnaturalistische Werk trägt bereits so viel urbanen Expressionismus in sich, dass es eine modern psychologisierende Fortschreibung durchaus hergibt.“

Jan-Christoph Gockel - Foto: A. Etter

Jan-Christoph Gockel – Foto: A. Etter

Uneinig sind die Kritiker hinsichtlich der komödiantischen Elemente der Inszenierung, einige sprechen von Überdrehtheit. Martin Bischoff bescheinigt der Inszenierung in der FAZ Rhein-Main vom 3.3.2015 jedoch eine faszinierende Wirkung: „Wie aber Gockel und Pietsch … die unheimliche Dauerpräsenz der Gestorbenen versinnbildlichen und in verdrängte Gründe leuchten, jagt einem immer wieder eine Gänsehaut über den Körper. Und als schließlich am Ende Jette John … ihrem Leben ein Ende setzt, tut sie dies, indem sie in die Marionettenseile klettert und sich selbst, an der Seite ihres geliebten Adalbertchens, in eine ruckende, zuckende Puppe verwandelt. Vibrierende Stille im Mainzer Staatstheater, ehe das Premierenpublikum sich die Anspannung aus dem Körper jubelt. Es sind solche Erlebnisse, für die man ins Theater geht, so selten sie sich auch ereignen.“

Theaterfreunde lesen die ausführliche Ausgabe von „Theater in der Kritik“.