Stadt würdigt Mainzer Sänger- und Künstlerfamilie

Heinefetter-Platz
Die Stadt Mainz würdigt die weithin unbekannte jüdische Sänger- und Künstlerfamilie Heinefetter mit der Benennung eines Platzes in der Nähe des Staatstheaters Mainz. Auf Initiative des Ortsbeirates Altstadt wird der Platz zwischen Douglas-Parfümerie, Alter Universität, nordöstlicher Flanke des Mollerbaus und Alter Universitätsstraße in „Geschwister-Heinefetter-Platz“ umbenannt. Am 4. Mai 2016 wird das Namensschild feierlich enthüllt.

Geehrt werden damit die Sopranistin Sabine Heinefetter (1809-1872), ihre 5 Schwestern Eva Heinefetter, Fatime Heinefetter, Kathinka Heinefetter, Klara Heinefetter, Nanette Heinefetter, allesamt Opernsängerinnen, sowie deren Bruder Johann Baptist Heinefetter, der Maler war. Alle wurden in Mainz als Kinder jüdischer Eltern geboren und sind hier auch aufgewachsen. 1826 hat die ganze Familie Heinefetter in der Oper „Die Zauberflöte“ im Mainzer Stadttheater mitgewirkt, dabei auch zwei männliche Mitglieder Joh. Baptist und Adolph H. Die Pamina wurde an diesem Abend von Sabine Heinefetter gesungen, der berühmtesten der 6 Schwestern.

Sabine Heinefetter

Sabine Heinefetter LithoSie wurde am 19. August 1809 in Mainz geboren. Ihr Bühnendebüt gab sie 1824/25 in Frankfurt a. M. 1825 ging sie nach Kassel und wurde durch den dort wirkenden Hofkapellmeister und Opernkomponisten Louis Spohr weiter ausgebildet. Bald aber brach sie ihren Contract, der sie auf Lebensdauer an Kassel fesseln sollte und entwich nach Paris, wo sie, von Tandolini unterrichtet, neben Maria Malibran in der Italienischen Oper sang. 1827 gab sie ein glanzvolles Gastspiel in Berlin, worauf sie sogleich nach Paris ging. Hier kam sie zu sehr erfolgreichen Auftritten am Théâtre-Italien, studierte aber auch nochmals bei Giovanni Tadolini. 1831 unternahm sie eine große Gastspielreise durch Deutschland und sang u.a. in Wien. Seit 1832 kam sie auch in Italien zu einer glänzenden Karriere. Es kam schließlich zu einem rastlosen Wanderleben mit Gastspielauftritten in den europäischen Musikmetropolen. So war sie 1837 im Rahmen einer großen Tournee u.a. in Köln, Frankfurt a.M., in Antwerpen und in Lüttich zu hören, 1838 gastierte sie an den Hoftheatern von Karlsruhe und Mannheim, 1842 nochmals in Lüttich, 1843 am Hoftheater von Wiesbaden, 1845 an der Oper von Marseille. Dort lernte sie den Kaufmann Mr. Marquet kennen, den sie 1852 heiratete. In den folgenden Jahren trat sie immer seltener auf. 1856 gab sie ihre Karriere ganz auf und lebte seitdem in Marseille. Allmählich machten sich bei ihr Anzeichen einer fortschreitenden Geisteskrankheit bemerkbar. Schließlich verließ sie Frankreich und kehrte 1872 nach Deutschland zurück, musste aber den Rest ihres Lebens in einer geschlossenen Anstalt in Illenau in Baden verbringen, wo sie am 18. November 1872 gestorben ist.

Sabine Heinefetter besaß eine Stimme von besonderem Tonumfang, so dass sie sowohl Sopran- als auch Mezzosopran Partien singen konnte. Man rühmte ihre souveräne Beherrschung der Gesangtechnik wie das Temperament ihres Vortrages und ihr ausgeprägtes Stilgefühl. Sie galt als hervorragende Darstellerin.

Clara Heinefetter

Clara Heinefetter, die zweite Schwester, nach ihrer Vermählung meist Stöckl-Heinefetter genannt, war geboren am 17. Februar 1816 und starb am 24. Februar 1857 in Wien. Von ihrer Schwester Sabine unterrichtet, begleitete sie diese 1829 nach Paris, wo Maria Malibran die weitere Ausbildung ihrer Stimme übernahm. Als Agathe im „Freischütz“ machte sie am Kärntnertortheater zu Wien am 16. Januar 1831 ihren ersten Versuch und erwarb sich in dieser Rolle, wie als Dame in der „Zauberflöte“ und Neris in der „Medea“ den allgemeinsten Beifall der Kenner. Auch gastierte sie in Mannheim, Stuttgart, München, Berlin. 1837 sang sie in Wien und ging dann nach Pest und heiratete hier am 27. Juni 1837 den ungarischen Nationaltänzer und Mimiker Franz Stöckl. Die nächsten Jahre sang sie in verschiedenen deutschen Theatern. Ununterbrochen Gastspiele gebend, finden wir sie 1840/41 in Berlin, 1841 abermals in Wien, dann in Dresden, Hamburg, Prag, bis sie im Oktober 1843 einen Kontrakt ans Wiener Kärntnertortheater annahm. Besondere künstlerische Höhepunkte dieses Engagements waren ihre Leistungen als Lucrezia Borgia. Nach einer Kunstreise durch Deutschland folgte sie 1849 ihrem Gatten nach Linz. Durch die Geburt eines Kindes verlor sie ihre Stimme und dieser Unfall umnachtete ihren Geist, so dass sie 1855 in ein Irrenhaus gebracht werden musste, wo sie auch starb.

Kathinka Heinefetter

Kathinka Heinefetter, die dritte, ebenfalls von Sabine gebildete Schwester, geboren 1820, gestorben am 20. Dezember 1858 in Freiburg i. Br., ging 1840 in Paris zur Bühne und debütierte an der Großen Oper daselbst. Ausgezeichnet durch reiche Stimmmittel, Schönheit und treffliche Darstellungsgabe, wurde sie 1842 in Brüssel engagiert. Hier ereignete sich jener einst viel besprochene tragische Vorfall, dass in ihrem Zimmer ein Pariser Advokat seinen Kollegen und Nebenbuhler, den Grafen Aimé Sirey niederstach, was zur Folge hatte, dass sich die Sängerin längere Zeit nicht auf den Brettern sehen lassen durfte. 1850 fang sie wieder in Paris, dann in Hamburg, Berlin, Wien und Pest, bis sie sich endlich in Freiburg i. Br. niederließ, wo sie an einer Herzkrankheit verstarb.

[Quelle: Kürschner, Joseph, „Heinefetter“ in: Allgemeine Deutsche Biographie 11 (1880), S. 364-365 [Onlinefassung]; URL: http://www.deutsche-biographie.de/pnd138950458.html?anchor=adb]